Der Vorstand verkündet die neue Unternehmenskultur: Vertrauen, Transparenz, Zusammenarbeit. Drei Wochen später erfahren Mitarbeiter von einer strategischen Neuausrichtung aus der Presse. Gleichzeitig tobt im Vorstand ein offener Machtkampf um Budgets und Zuständigkeiten. Die HR-Abteilung organisiert Workshops zum Thema „Fehlerkultur“, während zwei Etagen höher ein Mitarbeiter gefeuert wird, weil ein Projekt schiefgegangen ist.
Willkommen in der Realität der meisten Kulturinitiativen.
Das Problem ist nicht, dass Unternehmen keine guten Absichten haben. Das Problem ist, dass Mitarbeiter nicht taub, blind oder dumm sind. Sie sehen, wie sich die Führung wirklich verhält. Und sie ziehen ihre Schlüsse.
Die Glaubwürdigkeitslücke
Chris Argyris, einer der einflussreichsten Organisationsforscher des 20. Jahrhunderts, nannte das „Espoused Theory“ versus „Theory-in-Use“. Was Führungskräfte sagen, nennt er die verkündete Theorie. Wie sie sich tatsächlich verhalten, ist die gelebte Theorie.
Die meisten Führungskräfte sind sich dieser Diskrepanz nicht bewusst. Sie glauben ehrlich, dass sie die Werte leben, die sie predigen. Aber Argyris‘ Forschung zeigte: Fast niemand tut es. Wir alle haben blinde Flecken. Wir sehen nicht, dass unser Verhalten etwas anderes kommuniziert als unsere Worte.
Ein Beispiel: Ein CEO verkündet „radikale Offenheit“ als neuen Kulturwert. In Meetings unterbricht er aber jeden, der eine abweichende Meinung äußert, verteidigt reflexartig eigene Entscheidungen und reagiert dünnhäutig auf Kritik. Er selbst würde sagen: „Ich bin offen für Feedback.“ Seine Mitarbeiter erleben: „Widersprich ihm nicht, wenn dir dein Job lieb ist.“
Das ist keine Böswilligkeit. Es ist Selbsttäuschung. Und sie ist toxisch für jede Kulturentwicklung.
Warum Kulturinitiativen scheitern
Studien zeigen: Etwa 70 Prozent aller Change-Initiativen scheitern. Nicht, weil die Strategie falsch ist. Nicht, weil die Mitarbeiter unwillig sind. Sondern weil die Führung nicht tut, was sie sagt.
Mitarbeiter beobachten die Spitze. Sie sehen, wer befördert wird. Sie sehen, welches Verhalten belohnt wird. Sie sehen, wer in Krisen durchkommt und wer geopfert wird. Und sie lernen: Das, was hier zählt, ist nicht, was im Leitbild steht. Es ist, wie sich die Mächtigen verhalten, wenn es drauf ankommt.
Wenn der Vertriebsvorstand weiterhin mit Ellenbogen und Intrigen agiert, aber befördert wird, wissen alle: Kulturwandel ist PR. Wenn die neue „Feedback-Kultur“ bedeutet, dass HR Workshops gibt, aber der CEO niemanden kritisieren darf, ist die Botschaft klar: Das ist Theater.
Edgar Schein, der Begründer der Organisationskulturforschung, brachte es auf den Punkt: „Kultur und Führung sind zwei Seiten derselben Medaille.“ Führungskräfte erschaffen Kultur. Erst durch ihr Vorbild, später durch das, was sie durchgehen lassen.
Wer Kultur verändern will, muss bei sich selbst anfangen. (Warum das auch für externe Berater gilt, beschreibt Christina in ihrem Beitrag zur Beraterethik.)
Die harten Fragen
Kulturentwicklung beginnt mit Selbstkritik. Nicht mit Workshops. Nicht mit schönen Folien. Mit einer ehrlichen, schmerzhaften Bestandsaufnahme: Wie verhalten wir uns wirklich?
Drei Fragen, die jede Führungskraft beantworten sollte:
Welches Verhalten belohnen wir tatsächlich? Nicht: Was sagen wir in Mitarbeitergesprächen. Sondern: Wen befördern wir? Wer bekommt die wichtigen Projekte? Wer sitzt im Führungskreis? Wenn Leute mit politischem Geschick und ohne Skrupel Karriere machen, ist das eure Kultur. Egal, was im Leitbild steht.
Was lassen wir durchgehen? Jede Organisation hat toxische Muster. Ein Vorstand, der andere bloßstellt. Ein Bereichsleiter, der Mitarbeiter wie Verfügungsmasse behandelt. Ein Teamlead, der Erfolge für sich reklamiert und Fehler nach unten delegiert. Wenn diese Leute nicht nur geduldet, sondern geschützt werden, weil sie „Zahlen bringen“, ist die Botschaft klar: Respekt ist verhandelbar.
Wie gehen wir mit Fehlern um – wirklich? Jeder redet von Fehlerkultur. Aber was passiert, wenn ein Projekt scheitert? Wird analysiert, was schiefgelaufen ist? Oder wird nach Schuldigen gesucht? Werden Risiken eingegangen und gelegentliche Rückschläge akzeptiert? Oder werden nur Projekte gestartet, die garantiert funktionieren? Das Verhalten in der Krise zeigt, was wirklich gilt.
Ein Beispiel aus der Praxis
Wir haben ein mittelständisches Unternehmen begleitet, das eine „Kultur der Eigenverantwortung“ etablieren wollte. Der Geschäftsführer predigte Delegation, Vertrauen, Entscheidungsspielräume. Gleichzeitig genehmigte er persönlich jede Ausgabe über 500 Euro, kassierte Entscheidungen der Bereichsleiter, wenn sie ihm nicht passten, und ließ sich über jedes Detail berichten.
Die Mitarbeiter hatten das Muster längst verstanden: Tu, was er will, nicht was er sagt. Eigenverantwortung war ein Lippenbekenntnis.
Die Lösung war nicht komplex, aber schmerzhaft: Der Geschäftsführer musste erkennen, dass er selbst das Problem war. Er musste lernen, loszulassen. Nicht nur in Sonntagsreden, sondern tatsächlich. Er musste Entscheidungen der Bereichsleiter stehen lassen, auch wenn er sie anders getroffen hätte. Er musste Fehler aushalten. Er musste echte Verantwortung abgeben – mit allem, was dazugehört.
Erst als sich sein Verhalten änderte, begann sich die Kultur zu ändern. Nicht früher.
Was das für Sie bedeutet
Wenn Sie Kulturentwicklung wollen, hören Sie auf, Workshops zu organisieren. Fangen Sie bei sich selbst an.
Lassen Sie sich Feedback geben. Nicht von Ihren Vertrauten, sondern von denen, die Ihnen ehrlich sagen, wie Sie wirklich wirken. Hören Sie zu, auch wenn es wehtut. Fragen Sie sich: Welches Verhalten belohne ich? Was lasse ich durchgehen? Wie gehe ich mit Fehlern um – wirklich, nicht theoretisch?
Und dann ändern Sie Ihr Verhalten. Sichtbar. Konsequent. Auch wenn es unbequem ist.
Kulturentwicklung ist kein Kommunikationsprojekt. Es ist ein Führungsprojekt. Und es beginnt oben. Oder es bleibt Fassade.
Drei Fragen zur Reflexion
- Wenn Sie Ihre Mitarbeiter anonym fragen würden, welche Werte in Ihrem Unternehmen wirklich gelebt werden – was würden die antworten?
- Welches Verhalten dulden Sie bei Leistungsträgern, das Sie bei anderen sofort ansprechen würden?
- Wann haben Sie zuletzt eine Entscheidung Ihres Teams stehen lassen, obwohl Sie sie anders getroffen hätten?
Was Sie ab sofort tun können
Feedback von unten einholen – und aushalten. Bitten Sie drei Personen, die nicht zu Ihrem engsten Kreis gehören, um eine ehrliche Einschätzung: „Was sage ich, aber tue ich nicht?“ Hören Sie zu. Verteidigen Sie sich nicht.
Ein konkretes Verhalten ändern – sichtbar. Nicht fünf Dinge gleichzeitig. Eines. Und zwar so, dass es andere mitbekommen. Kultur ändert sich durch beobachtbares Verhalten, nicht durch Ankündigungen.
Den nächsten Kultur-Workshop absagen. Stattdessen: Nehmen Sie sich eine Stunde mit Ihrem Führungsteam und beantworten Sie gemeinsam die drei Fragen oben. Das ist unbequemer als jeder Workshop – und wirksamer.
Quellen:
- Argyris, C. & Schön, D. (1974). Theory in Practice: Increasing Professional Effectiveness.
- Schein, E. H. (2010). Organizational Culture and Leadership.
- Motto (2025). Why Culture Change Initiatives Fail.
- Harvard Business Review (2025). To Change Company Culture, Focus on Systems—Not Communication.





