Wenn ein Team nicht funktioniert, ist die erste Idee oft eine Team-Klausur mit Vertrauensübungen, Persönlichkeitstests oder einem Tag im Hochseilgarten. Dahinter steht die Annahme, das Problem liege in den Beziehungen der Teammitglieder.
In unserer Erfahrung stimmt das selten. Die meisten Teams, die uns als „schwierig“ beschrieben werden, wissen nicht genau, was sie gemeinsam erreichen sollen, wer was entscheidet und wie Abstimmung bei ihnen läuft. Der Streit zwischen den Personen ist dann die Folge davon. Das GRPI-Modell macht diesen Zusammenhang sichtbar.
Was ist GRPI?
GRPI steht für Goals, Roles, Processes, Interpersonal. Richard Beckhard, einer der Pioniere der Organisationsentwicklung, hat das Modell 1972 beschrieben. Es benennt vier Ebenen, auf denen ein Team Klarheit braucht, und es legt eine Reihenfolge fest.
Goals (Ziele): Was will das Team erreichen, und was hat Vorrang? Die Ziele müssen allen bekannt sein und von allen getragen werden.
Roles (Rollen): Wer ist wofür verantwortlich, und wer entscheidet was? Rollen lassen sich erst klären, wenn die Ziele stehen.
Processes (Abläufe): Wie stimmt sich das Team ab, wie trifft es Entscheidungen, welche Meetings braucht es dafür?
Interpersonal (Zusammenarbeit): Wie gehen die Teammitglieder miteinander um? Dazu gehören Vertrauen, Feedback und der Umgang mit Konflikten.
Die Reihenfolge ist der Kern des Modells: Unklarheit auf einer Ebene zeigt sich als Reibung auf den Ebenen darunter.
Die 80:20-Faustregel für Teamkonflikte
Der Organisationsberater Noel Tichy hat diesen Zusammenhang in eine Faustregel gefasst. Danach gehen rund 80 Prozent der Konflikte in Teams auf unklare Ziele zurück. Vom Rest entfallen wieder 80 Prozent auf unklare Rollen, vom dann verbleibenden Rest 80 Prozent auf unklare Abläufe. Für Konflikte, die tatsächlich zwischen Personen entstehen, bleibt rechnerisch weniger als ein Prozent.
Die Zahlen stammen aus Tichys Beratungspraxis, eine Studie steht nicht dahinter. Man sollte sie deshalb nicht als Messwert lesen. Als Größenordnung decken sie sich mit dem, was wir in Teams sehen: Wenn zwei Kollegen sich streiten, wissen sie oft nicht, wofür das Team steht, wer zuständig ist oder wie eine Entscheidung zustande kommt.
Tichy beschreibt das als Kaskade. Unklare Ziele führen zu unscharfen Rollen, unscharfe Rollen zu holprigen Abläufen, und am Ende geraten Menschen aneinander. Viele Maßnahmen setzen am unteren Ende an und wollen das Klima verbessern. Das ist, als würde man im Keller das Wasser aufwischen, während es durchs Dach hereinregnet.
Ein Beispiel aus der Praxis
Ein IT-Unternehmen holte uns vor einiger Zeit, weil eines seiner Teams als „dysfunktional“ galt. Es gab ständig Konflikte und gegenseitige Schuldzuweisungen, und die Personalabteilung plante eine Team-Klausur mit Vertrauensübungen.
Wir haben stattdessen Einzelgespräche entlang der vier Ebenen geführt. Nach dem dritten war das Bild klar: Die Product Owner wollten Features ausliefern, die Entwickler technische Schulden abbauen, der Teamleiter die Abläufe stabilisieren. Jede Gruppe verfolgte ihr Ziel mit guten Gründen, aber eine gemeinsame Priorität gab es nicht.
Wir haben mit dem Team einen halben Tag lang die Ziele geklärt und in eine Rangfolge gebracht. Zwei Wochen später hatte sich die Stimmung beruhigt, ohne dass wir an den Beziehungen gearbeitet hatten.
So schnell geht es, wenn nur eine Ebene betroffen ist. Häufiger sind es mehrere, und dann braucht die Klärung mehr Zeit.
GRPI vs. Lencioni: Der Unterschied
Patrick Lencionis „Five Dysfunctions of a Team“ ist bekannter als GRPI. Er beschreibt fünf Dysfunktionen: fehlendes Vertrauen, Konfliktscheu, mangelndes Commitment, fehlende Verantwortlichkeit und fehlende Ergebnisorientierung. Seine Pyramide beginnt beim Vertrauen, also auf der Ebene, die bei GRPI zuletzt kommt.
Beide Modelle haben ihren Platz. Lencioni beschreibt, welche Hürden ein Team auf dem Weg zu guter Zusammenarbeit nimmt. GRPI ist ein Diagnosewerkzeug und hilft herauszufinden, wo das Problem eines konkreten Teams liegt.
In einem Punkt widersprechen sie sich: Nach GRPI entsteht Vertrauen als Folge von Klarheit. Wenn Ziele, Rollen und Abläufe geklärt sind, können sich Menschen aufeinander verlassen. Solange sie unklar sind, ändern Vertrauensübungen wenig.
Warum GRPI so wirksam ist
Das Modell ist einfach. Es gibt Teams und Führungskräften vier Fragen in fester Reihenfolge: Haben wir ein gemeinsames Ziel? Weiß jeder, wofür er zuständig ist? Sind unsere Abläufe verlässlich? Und wie gehen wir miteinander um?

Die Reihenfolge schützt davor, an der falschen Stelle zu arbeiten. Wer mit der vierten Frage beginnt, bevor die ersten drei beantwortet sind, verliert Zeit. Dasselbe gilt für Kulturentwicklung: Wer an der falschen Stelle ansetzt, erzeugt Frust.
Das Modell ist seit über fünfzig Jahren im Einsatz und kommt ohne aufwendige Assessments aus. Die Diagnose geht schnell. Wie lange die Klärung danach dauert, hängt davon ab, wie viel auf den oberen Ebenen offen ist.
Was heißt das für Sie?
Wenn Ihr Team nicht die Leistung bringt, die Sie erwarten, beginnen Sie bei den Zielen. Sind sie klar, werden sie von allen geteilt, und sind sie verbindlich?
Danach kommen die Rollen: Weiß jeder, wofür er verantwortlich ist, und gibt es Überschneidungen oder Lücken?
Dann die Abläufe: Gibt es verlässliche Wege für Entscheidungen, Meetings und Information?
Erst wenn diese drei Ebenen geklärt sind, lohnt der Blick auf das Miteinander. Viele Konflikte haben sich bis dahin erledigt.
Drei Fragen zur Reflexion
- Könnten alle Mitglieder Ihres Teams unabhängig voneinander dieselben drei Prioritäten nennen?
- Bei welchen Aufgaben ist unklar, wer entscheidet und wer nur mitredet?
- Denken Sie an den letzten Konflikt in Ihrem Team: Auf welcher der vier Ebenen lag seine Ursache?
Was Sie ab sofort tun können
Den Ziel-Test machen. Bitten Sie jedes Teammitglied einzeln, die drei wichtigsten Ziele des Teams aufzuschreiben, und vergleichen Sie die Antworten. Wenn sie deutlich voneinander abweichen, haben Sie Ihren Ansatzpunkt.
Eine Rollen-Matrix erstellen. Schreiben Sie die fünf wichtigsten Aufgaben Ihres Teams auf und notieren Sie daneben, wer verantwortlich ist, wer entscheidet und wer informiert wird. Lücken und Doppelungen zeigen, wo der nächste Konflikt entstehen kann.
Von oben nach unten fragen. Die Symptome zeigen sich unten, im Miteinander. Suchen Sie die Ursache trotzdem zuerst bei den Zielen, dann bei den Rollen, dann bei den Abläufen.
Quellen:
- Beckhard, R. (1972). Optimizing Team Building Effort. Journal of Contemporary Business.
- Tichy, N. M. (2002). The Leadership Development Program. Ann Arbor.
- FourWeekMBA (2024). The GRPI Model In A Nutshell.
- Lencioni, P. (2002). The Five Dysfunctions of a Team.





